Ausgewählte Arbeiten von Frei Otto und seinen Teams

Selected Works of Frei Otto and his Teams

 

Aktuelles

 

 

01.12.2001

Stuttgarter Nachrichten

 

 

Mindestens drei Gründe, Frei Ottos Werk neu zu bewerten

 

Die Kritiker sind prominent und zahlreich. Diese

"Bullaugen", "groß wie Einfamilienhäuser", würden

den Schlossgarten zerstören, kommentieren

tatsächliche und selbst ernannte Experten die

Planungen für einen neuen Stuttgarter Hauptbahnhof.

Von Leichtigkeit, von Transparenz keine Spur.

 

Sollte sich aber ausgerechnet dieses Team um den

Architekten Christian Ingenhoven verschätzen? Sollte

ausgerechnet in Stuttgart der große und doch so oft

Realität gewordene Traum Frei Ottos platzen, den

Gesetzen der Natur folgend, Verästelungen von

Bäumen und Ausformungen von Membranen gebaute

Gestalt zu geben? Architekt, Künstler und Erfinder ist

Frei Otto, Techniker, Naturforscher - und auch

Kulturpolitiker. So will er es selbst, so sieht es

Ingeborg Flagge, Direktorin des Deutschen

Architekturmuseums in Frankfurt, so lobt man ihn –

etwa am 3. Juli vergangenen Jahres anlässlich der

Verleihung der Ehrenbürgerwürde durch die Stadt

Leonberg.

 

Kann man aber bei diesem Spektrum von dem einen

Werk sprechen? Eine Ausstellung wagt den Versuch

und macht doch zugleich Einschränkungen:

"Ausgewählte Arbeiten von Frei Otto und seinen

Teams 1955-2000" werden vorgestellt in Leonberg

(Galerieverein Leonberg, Im Zwinger 7), "Geplante

Poesie" heißt die Ausstellung (bis zum 6. Januar

2002). Das Ganze in Ausschnitten, dabei muss das

Forschen um des Forschens willen zu kurz kommen.

Die Aufmerksamkeit gilt dem Geplanten, die Poesie

bleibt eher eine Behauptung.

 

Als Behauptung könnte man auch die scheinbare

Nichtperfektion von Modellen und Plänen verstehen,

die zentrale Projekte Frei Ottos vorstellen - vom

deutschen Pavillon für die Weltausstellung 1967 (mit

Rolf Gutbrod und Fritz Leonhardt) in Montreal über

die Olympiadächer für das Gelände der Olympischen

Sommerspiele 1972 in München (mit Behnisch und

Partner und Fritz Leonhardt) bis hin zu visionären

Städten in der Antarktis und schließlich den Ideen für

einen neuen Hauptbahnhof in Stuttgart. Das alles hat

wenig zu tun mit dem Glanz, den Durch- und

Einblicken, den virtuellen Spaziergängen heutiger

Architekturausstellungen. Frei Otto darf man mit

diesem Auftritt getrost eine Absicht unterstellen, hat

ihn doch die große Geste nie interessiert. Und doch

deutet sich mit dieser verdienstvollen Ausstellung

zugleich an, dass eine grundlegende Würdigung und

Einordnung von Frei Ottos Schaffen in Deutschland,

zumal in der ihm zur Heimat gewordenen Region

Stuttgart, noch aussteht.

 

1925 im sächsischen Siegmar geboren, deutet sich

schon früh an, wohin sein Misstrauen gegenüber rein

formalen Strukturen den jungen Ingenieur führen wird.

Seine Dissertationsschrift "Das hängende Dach"

(1955) ist bereits Zusammenfassung der

experimentellen Auseinandersetzung mit

unterschiedlichsten Formen gespannter Membranen,

Seilnetzen und Zelten - und schon programmatische

Absage an eine Architektur, die aus den Trümmern

Europas eilfertig gebaute Demonstrationen eines

neuen Wohlstands emporwachsen lässt.

 

Hatten Anfang der 50er Jahre große Spannhallen den

Ingenieur Frei Otto beflügelt, die Membran auf ihre

Anwendungsmöglichkeiten hin zu untersuchen, so

eröffnet ihm 1960 die Begegnung mit Gerhard

Helmcke, damals Ordinarius für Biologie und

Anthropologie an der TU Berlin, eine buchstäblich

neue Welt: "Da ich über Pneus arbeitete und

Bläschen und Tropfen studierte, erkannte ich in

seinen damals erstmaligen Stereofotos von

Mikroorganismen alle die in meinen Experimenten

erhaltenen Formen wieder." Der Konstrukteur

entdeckt, dass alles Konstruierte bereits vorhanden

ist, dass man die Baupläne der Natur in ihrer

Stabilität wie in ihrer Fragilität ernst nehmen muss.

"Die Übereinstimmung der Formen unserer

Entwicklungen mit den Mikroorganismen" beflügelt

den jungen Konstrukteur, macht ihn zum Forscher,

provoziert den Dialog mit Biologen, Paläontologen,

Verhaltensforschern, Physikern und Ingenieuren.

 

"Unsere Entdeckung wurde mir nun wichtiger als das

Bauen von Häusern" - diese Formel bestimmt nun

Frei Ottos Schaffen. Und gerade so, als habe es die

Bestätigung durch die Baupläne der Natur gebraucht,

um den eigenen Ideen die angestrebte Gestalt zu

geben, entstehen in rascher Folge Zeugnisse eines

neuen Architekturverständnisses. Behausungen

ersetzen Häuser, Dächer tanzen, statt tonnenschwer

auf ihre Grundfesten zu drücken. Glück, so die

Botschaft Frei Ottos, kann man bauen.

 

Der Pneu, die luftumschschließende Membran, bleibt

dabei gleichermaßen Richtschnur wie Ideal –

begleitet, unterstützt, mitunter auch gestützt von

Baumverästelungen, wie sie Frei Otto in seinem

Christian-Wagner-Brunnen für den Heimatort

Warmbronn ganz konkret und für die Entwürfe zu

einem unterirdischen Hauptbahnhof in Stuttgart

sinnbildlich nutzte. Mutig holt man 1964 den

Gesamtkünstler Frei Otto von der Spree an den

Neckar, lässt ihn sich sein eigenes Dach über sein

eigenes "Institut für Leichte Flächentragwerke"

bauen, genießt zudem den Ruhm, den Frei Otto (unter

anderem mit einer Schau im Museum of Modern Art,

1971 in New York und 1975 mit der fünf Kontinente

bereisenden Ausstellung "The Work of Frei Otto")

nach Stuttgart trägt. Zugleich aber bleibt auch ein

gutes Stück Distanz - Frei Otto wahrt sie, nicht ohne

Koketterie, wie auch Stuttgarts Architekten Otto

gegenüber eine Freundschaft auf Distanz pflegen.

 

Ein Blick ins Atelier in Warmbronn unterstreicht

schließlich, dass es mindestens drei Gründe gibt,

Frei Ottos Werk neu zu bewerten. "Pneumatische

Luft-Fische, flexible Staudämme" oder "ein

Schiffsantrieb in Gestalt einer wedelnden

Schwanzflosse", hat Manfred Sack, Deutschlands

renommiertester Architekturkritiker dort entdeckt.

Vorerst gebührt Stadt und dem Galerieverein

Leonberg das Verdienst, die Begegnung mit dem

Schaffen Frei Ottos zu ermöglichen - begleitet von

einem Katalog, dessen Schrift, man ahnt es, Frei Otto

entwickelt hat.

 

 



 

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© Atelier Frei Otto Warmbronn